„Welches Spiel soll ich bloss kaufen?“ Bei dieser Frage schauen viele Zocker erst mal Testberichte an. Aber nicht selten haben die Tester selber keine Ahnung.

Seit über zwei Jahrzehnten verdienen einige Journalisten und Zocker ihr Geld mit Spiele testen. Angesichts der vielen Schrottspiele bedürfen viele Spieler Tipps und Empfehlungen, was sie in den nächsten Wochen kaufen sollen. Eigentlich sollen wir dankbar sein, dass die Spieletester für uns durch die vielen Spiele durchquälen, nur um uns die besten Spiele zu zeigen. Leider glauben viele Spieler blindlings, was der Spieletester über das Spiel schreibt, oder sie gewichten seine Benotung zu stark, ohne die Argumentation im Bericht zu verstehen. Es wird also Zeit, einige Missverständnisse und Irrglauben zu räumen.

Die Angaben über Spieldauer stimmen oft nicht mit der Erfahrung der Spieler überein: Testberichte werden in der Regel noch vor dem Release eines Spiels veröffentlicht. Spiele mit hoher Spieldauer können oft nicht genügend lange getestet werden, also schätzen viele Spieltester die Länge des Spiels oder übernehmen die Meinung anderer. Ärgerlicherweise kommt der Wiederspielwert häufig zu kurz zur Sprache: Fire Emblem auf dem GBA bietet zum Beispiel zwei verschiedene Kampagne und zwei Schwierigkeitsgrade, aber viele Spieletester erwähnen diese Tatsache entweder gar nicht oder nur als Randnotiz. Dabei spielen ambitionierte Spieler das Spiel mehrmals durch, auch um die Gespräche zu komplettieren. Deshalb werden die Spieler über 80 Stunden Spielspass haben und nicht bloss 40 Stunden, wie von einigen Spieletester behauptet.

Unverständlich bewerten sie auch die Spiele, oft geht die Kritik in Richtung „was hat das Spiel nicht, was andere Spiele haben“! Das heisst, dass die Spiele nach einer Checkliste bewertet werden, fehlende Modi und wenig Optionen drücken die Bewertungsnote ab. Welch ein Schwachsinn! Viele hinterfragen gar nicht, ob mehr Modi wirklich den Spielspass und die Spieldauer erhöhen, und ob jene mit Dutzenden von Optionen solche überhaupt nötig hätten. Ein Street Fighter-Spiel zum Beispiel braucht nicht mehr als ein Arcade-Modus und ein Versus-Modus, Practice-Modus wäre nett und hilft viel, aber nicht wirklich notwendig. Zusätzliche Modi macht das Spiel nicht wirklich besser, zumal man meistens eher belanglose Spielereien wie „Time-Attack“ oder „Survival“ serviert bekommt. Mit anderen Worten: Mehr Auswahlmöglichkeiten können den Spielspass steigern, müssen aber nicht.

Viele Fanboys machen zudem aus der Benotung eine riesige Sache, und die Tester fördern diese Unsitte mit fragwürdigen Bewertungssystemen. Warum soll ein Spiel 83% kriegen und ein anderes „nur“ 82%? Diese Bewertung lässt manch naive Leser glauben, dass zwischen diese Spiele ein objektiver Unterschied in der Qualität besteht. Diese Annahme ist falsch: Spielberichte sind grundsätzlich subjektiv, und nur wenige Aspekte lassen sich objektiv bewerten. Richtig schlechte Spieletester versuchen streng objektiv zu bleiben – die Checkliste lässt grüssen.

Spieler sollen deshalb nach Alternativen suchen, zum Beispiel die Meinung bei Freunden oder in einem Internetforum holen, am besten natürlich eines mit Schwerpunkt Videospiele. Viele Spieletester wagen es nicht, eine deutlich andere Meinung wiederzugeben, wenn seine Kollegen einer Meinung sind. Aber in einem Forum findet man immer jemanden, der das Spiel anders bewertet als die Mehrheit. Allerdings halten viele Gelegenheitsspieler solche Foren für elitär, sowohl in der Ausdrucksweise als auch in der Spielauswahl. Vor allem die populären Jahresupdates diverser Sportreihen stossen bei den Core-Gamern sauer auf, während Gelegenheitsspieler solche favorisieren. Es bleibt – im Zweifelsfall – also nur eines übrig: Vertrauen auf die Bauchentscheidung! Unter Hunderten von Spielen liegen Dutzende von Spielen vergessen in Kaufregalen herum, darunter einige der besten und meist unterschätzten Spiele. Einer meiner unvergesslichsten Spontaneinkäufe war Mischief Makers von Treasure, und bereut habe ich es nicht!