Rückblick und Momentaufnahme für Sony. Inklusive düsterer Zukunftsvision.

Bewanderte auf dem Gebiet der geschichtlichen Auseinandersetzung im Bereich der Videospiele lieben Vergleiche und die Aufschlüsselung eines Rhythmus der Gezeiten, der immer mal wieder aufblitzt. Eine dieser Legenden ist die „Drei-Generationen-Regel“: Kein Konsolenhersteller wird drei Generationen hintereinander Marktführer. Wir wissen nicht, wie viel die Chefetagen von solchen Theorien halten (wahrscheinlich und hoffentlich gar nichts), aber irgendwo in einem Büro von Sony Computer Entertainment muss ein Typ arbeiten, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, dass diese Regel auch jetzt wieder in Kraft tritt. Einstellungsdatum dieses Irren muss im Frühjahr 2006 gewesen sein, obwohl seine Kollegen, die mit ihm unter einer Decke stecken, schon früher die verheerende Saat gelegt haben.

Sony steckt in einem gigantischen, selbstverschuldeten Dilemma. Die Quittung einer ignoranten, eigennützigen und zu kurz geratenen Sichtweite des einstigen Innovationskonzerns. Dabei schließt sich der Kreis: Nintendos arrogantes Gehabe gegenüber den Drittherstellern führte Mitte der 90er zur großen Revolution im Videospielreich, nicht zuletzt weil Sony, auch ein Freund, der mit Nintendo nach dem SNES-CD-Rom Skandal noch eine persönliche Rechnung offen hatte, das perfekte neue Flaggschiff zur Verfügung stellte. Der zweite große Pluspunkt de PlayStation stellte die Darstellung in der Öffentlichkeit dar: Plötzlich waren sie vorbei, die Tage, als Videospielbegeisterte noch zwischen Barbies und MB-Brettspielen nach ihren potentiellen Käufen stöbern mussten. Sony spielte seine größte Stärke in Form der professionellen Bewerbung des Produktes aus, zeigte sich in erster Linie als Bereitsteller der Arbeitsplattform der Entwickler und drängte die Dritthersteller mit Eigenproduktionen nicht gnadenlos ins Abseits, wie es bei Nintendo der Fall war.

Welch Ironie, dass ausgerechnet Sony, die sich ansonsten mit höflichen Abstand an Nintendo orientierten, durch deren Fehler lernten und am Ende davon profitierten, viele Fehler ihres Konkurrenten wiederholen. Während man mit der Ankündigung der PSP einen zuvor ungekannten schlafenden Riesen geweckt hatte, der sich daraufhin mit dem Nintendo DS (und später mit Wii) zum Erretter einer ganzen Branche erklärte, wie es Nintendo im Übrigen immer tat, wenn das Schicksal auf Messers Schneide stand, gab Sony spätestens auf der Pressekonferenz der E3 2006 ein fragwürdiges (und nach Monaten voller Versprechen, ungeschminktes) Bild ab. Konzeptlos haspelte man sich durch eine einzige Farce und versuchte in dieser erfolglos einen wirklichen Grund zu nennen, weshalb der Kunde die präsentierte PlayStation 3 für den hohen Preis nach Hause nehmen sollte, während Nintendo die Show der Messe lieferte und es intelligent verstand, durch die Fokussierung auf Titel wie Wii Sports die Massenmedien zu begeistern. In einer Mischung aus Selbstüberschätzung und Größenwahnsinn sprach Sony Computer Entertainment Europe CEO David Reeves davon, dass man, entgegen allen Zweiflern, ohne Probleme die ersten fünf Millionen Konsolen verkauften würde, zur Not eben auch ohne Software. Ob das die Dritthersteller auch so locker sahen?

Überhaupt ist das einstige „magische Band“ zwischen Sony und den 3rds zerrissen. An den Bedürfnissen von Entwickler UND Kunden vorbei entwickelt, ist die PlayStation 3 Ausdruck des Marktstrebens praktisch aller Sony-Abteilungen – ausgenommen die Videospielabteilung. Am krassesten zeigte sich dies sicherlich mit dem trojanischen Pferd, auch bekannt als Blu-ray Laufwerk, dass Sony wichtige Zeit im Kampf um die Next-Gen Krone nahm und im Grunde nur dazu dient, dass der Konzern nicht schon wieder eine Formatschlacht verliert. Dass der Vergleich mit dem Durchmarsch der DVD dank PS2 von vorne bis hinten hinkt, sieht man am japanischen Markt – dort sind die Verkäufe von Blu-ray Filmen seit der Einführung der PS3 kaum gestiegen. Natürlich zeigt man den Kunden dennoch, dass die Entscheidung vollkommen gerechtfertigt war. Dafür wird halt eben mal schnell die Bedeutung des Wortes „Komprimierung“ aus dem Sprachschatz der eigenen Entwickler gestrichen. Damit bekommt die Diskussion um den Nutzen, wobei keiner abstreiten mag, dass ein größeres Format sehr wohl von Vorteil sein kann, eine unangenehm verlogene Note.

Trotz allem würden die Dritthersteller Sony wohl weiterhin aus der Hand fressen, schließlich war schon die PS2 durch ihren Preis und der entwicklerunfreundlichen Benutzeroberfläche zumindest zu Beginn eine Zumutung, wenn die beiden Konkurrenten nicht soviel richtig gemacht hätten. Aus dem lustig-harmlosen Anfänger Microsoft, der sich ziellos durch die Branche kauft, wie ein Kind mit der Kreditkarte seines Vaters in der Hand, ist ein für Sony brandgefährlicher Konkurrent geworden, der nicht nur freudig Marktanteile im höchst eigenen Segment schluckt, sondern den Drittherstellern mit der Xbox 360 eine ideale Arbeitsumgebung in die Hände gibt. Microsoft macht im Grunde dort weiter, wo Sony derzeit gnadenlos versagt und befindet sich durch den Ende 2005 erfolgten Frühstart in der gewünschten, komfortablen Position. Durch Optimierungen im Fertigungsprozess, die eben nur durch die ausreichende Zeit geschehen konnten, sitzt man gegenüber Sony am längeren Hebel und kann den japanischen Hersteller durch die Aussicht einer Preissenkung stark unter Druck setzen. Dabei streicht Microsoft derzeit viele Sympathien ein, weil sie ihre Konsole als Konsole und nicht als Multimedia-Gerät mit dem kleinen Vermerk „Spielekonsole“ vermarkten und mit dem ausgereiften Onlinekonzept weiterhin eine große Trumpfkarte besitzen, die Sony, trotz gegenteiliger Versprechungen, nicht unwirksam machen konnte. Nicht zuletzt besitzt Microsoft über ein bekannt dickes finanzielles Polster und muss nicht wie Sony, begründet im jahrelangen Missmanagement, ein Gerät auf den Markt bringen, welches alle Zweige des Unternehmens sofort daran profitieren lassen soll. Dafür lässt man sich Zeit und überlässt es den Kunden, ob diese Angebote wahrgenommen werden – wie beim HD-DVD Laufwerk geschehen. Für die Eroberung des japanischen Marktes ist gewiss schon der Zug abgefahren, aber damit dürfte Microsoft auch niemals ernsthaft gerechnet haben. Außerdem denken auch japanische Konzerne in internationalen Dimensionen. Vor allem, wenn eine Produktion mit den hinzugerechneten Einnahmen aus den westlichen Märkten am Ende des Tages mehr Geld in die Kasse spült, als sie es auf der Sony Konsole, bedingt durch die kleinere Verbreitung, tun würde.

Und dann ist da natürlich der „Spielzeughersteller“ Nintendo, denen es allem Anschein nach gelungen ist, das nächste große „Ding“ mit ihrer Wii-Konsole an der Angel zu haben. Aus einem in den letzten Jahren immer kleiner gewordenen japanischen Markt, ist, ausgelöst durch den NDS, ein boomendes Paradies für neue Spielideen und nicht zuletzt neue Spieler geworden. Und die Entwickler reiben sich verwundert die Augen, über die in Bewegung geratene Videospielwelt und entdecken den nahezu unergründeten Markt der Gelegenheitsspieler wieder, den Sony einst selbst in Aufruhr brachte. So bricht man Rekord nach Rekord und stellt selbst Bestmarken in den Schatten, die als ewige, unantastbare Meilensteine fest in den Köpfen der Statistiker verankert waren. Und die Entwickler werden lieber zweimal nachdenken, auf welcher Plattform sie mit meist geringerem finanziellem Aufwand einen ungleich höheren Gewinn einstreichen werden. Soll am Ende dann doch die Technik im Wege stehen, gibt es ja immer noch die Xbox 360. Eine wunderbare Freundschaft, nicht?

Was kann Sony tun? Die depressive Aussicht zeigt, dass dem Konzern die Hände nahezu gebunden sind. Der Kritikpunkt Nummer Eins, der Preis, wird sich auf absehbare Zeit nicht senken lassen, wie man jüngst selbst zugab. Wäre dann vielleicht eine noch weiter abgespeckte Variante der Konsole in Betracht zu ziehen? Das wäre immerhin noch weit unter den Forderungen eines Gabe Newell (Mitbegründer von Valve Software). Dieser meinte: "Die Playstation 3 ist ein totales Desaster auf vielen Ebenen. Sony hat anscheinend sowohl den Blick für die Kunden als auch die Entwickler verloren!" Und weiter: „Auch zu diesem späten Zeitpunkt würde ich Sony empfehlen, alle Konsolen zurückzuziehen und zu sagen 'Hey, das war alles ein totales Desaster und wir entschuldigen uns bei allen und verkaufen keinerlei Exemplare mehr“.

Harsche Worte, die man so zuvor auch nicht hörte. Auch ein Zeichen für die veränderten Verhältnisse in der Branche…