Die Virtual Console sorgt dafür, dass Klassiker zu neuem Ruhm kommen und vergessene Perlen eine zweite Chance erhalten

Wir leben in einer (mentalen) Wegwerfgesellschaft und da möchte ich insbesondere Videospieler ansprechen. Kaum ist ein neu erstandener Titel ausgepackt, der Titelbildschirm schon wieder vergessen, hockt man sich heute vor den PC und redet das Spiel in den verschiedensten Foren zu Tode. Nur um anschließend in speziell dem Thema gewidmeten Threads darüber zu lamentieren, dass das Spielen doch nicht mehr die aus der Kindheit bekannte Magie aufweisen und der Stapel an nicht durchgespielten Titeln ständig wachsen würde… Im Endstadium dieser Entwicklung kann es schon einmal sein, dass die Lust auf einen neuen Titel schon vergeht, wenn man mit der Farbe des Boxarts nicht zufrieden ist.

Da es sich über neue Spiele natürlich viel schöner „diskutieren“ lässt, verschwinden die meisten Spiele schon nach kurzer Zeit im Forennirwana und damit auch aus den Köpfen der Spieler. Papier ist eben doch geduldiger und durch den früher doch signifikant höheren Konsum von Printmedien, waren Spiele damals alleine schon aus diesem Grunde länger im Gespräch und damit im Bewusstsein der Spielgemeinschaft, als es heute in Zeiten der Internetpublikationen der Fall ist.

Alleine schon deswegen ist das Konzept der Virtual Console eine zu begrüßende Angelegenheit, auch wenn sich die Spiele natürlich bisher auf Titel der 80er und 90er konzentrieren. Jüngere Spieler erleben „wie es damals so war“ und erhalten die Gelegenheit sehr bequem an zeitlose Meilensteine der Spielgeschichte zu kommen (auch wenn es in manchen Publikationen zur unsäglichen Angewohnheit geworden ist, Klassiker aufgrund ihrer technischen Seite abzuwerten...). Vielleicht noch wichtiger ist aber die zweite Chance, die Geheimtipps durch ihre erneute Veröffentlichung erhalten. Spiele wie Gunstar Heroes, Bomberman '93 oder Soldier Blade kennen viele Spieler nur durch ihren ausgezeichneten Ruf; tatsächlich gespielt haben es die wenigsten. Im Falle eines Soldier Blade, um nur ein Beispiel zu nennen, lag die Verschmähung sicherlich am Fehlen der dazugehörigen Konsole. Und tatsächlich zeigen sich viele Käufer der virtuellen Ware begeistert von den ehemaligen Geheimtipps und erweitern damit nebenbei auch gleich ihren Spiele-Horizont (und gehören zukünftig zu der Gruppe jener, die den Tod einiger Genres hinterher trauern, aber das ist ein anderes Thema).

Wer von den Lesern dieser Zeilen hat eigentlich jemals ein King Of Fighters oder ein Samurai Showdown gespielt? Die Zahl dürfte sich in bescheidenen Bahnen bewegen, dabei gehören beide Serien zum 1-mal-1 der Beat em up Gemeinde. Da aber zukünftig auch Neo-Geo Spiele auf Virtual Console veröffentlicht werden, dürfte ein Kauf nur noch einige Euros und ein Download entfernt liegen. Als Nebeneffekt wird eine Entmystifizierung der Spiele stattfinden, was allerdings auch in negative Bahnen abdriften kann, wenn die Erwartungshaltung zu hoch war. Selbiges ist z.B. mit dem gerade Neu-Veröffentlichten Kid Icarus (NES) zu erwarten, um das sich in all den Jahren ein regelrechter Fankult aufgebaut hat, immer mit den Sätzen „Vom Team hinter Metroid“ und „Wurde gleichzeitig mit Metroid entwickelt“ versehen, ohne dabei zu bedenken, dass Pits Geburtsstunde nicht ohne Grund im Schatten der Geburtswehen von Samus Aran standen und schon damals ungleich konservativer und weniger innovativ daherkam. Da kann man nur hoffen, dass die Spielgemeinde, die ansonsten sehr gerne mal den Schalter auf „Überreaktion“ stellt, hier ihre geplatzte Erwartungshaltung nicht in einer unfairen Aburteilung zu kompensieren versucht. Trotzdem sehe ich es für meinen Teil als eine Wonne an, wenn sich Spieler über altehrwürdige Klassiker und neu entdeckte Perlen der Branche unterhalten – und damit oft keinen Ton über die Grafik verlieren, da dieser Umstand, bedingt durch das Alter der Spiele, gnädig hingenommen wird. Nach seitenlangen Diskussionen über die verschwommenen Bodentexturen von Spiel Y wirklich eine wahre Wonne. Vielleicht müssen unsere heutigen Spiele auch erst das eine oder andere Jahrzehnt hinter sich bringen, bevor man sich bei ihnen ebenfalls wieder auf das Wesentliche konzentriert. Denn mit dem Alter verlieren sie alle ihre schöne Schale und das Innere kommt zum Vorschein. Vielleicht entdeckt dann auch der eine oder andere wieder die verloren geglaubte "Magie"...