Achtung: Dieser Beitrag enthält ungewöhnlich viel Pessimismus und wahrscheinlich einen allzu verklärten Blick in die Vergangenheit. Oder auch nicht…

„Du-hu, Großvater..? Erzählst du mir noch einmal von der Zeit, als du noch jung warst und die Zeitschriftenregale mit guten Videospiel-Magazinen bis an den Rand gefüllt waren?“ Und mit Tränen in den Augen erzählte der gute Großvater dem Kinde von einer Zeit, als Herr Ippisch sich noch im Sega-Magazin zum Gespött der Branche machte, als die Total! und die Video Games ihre Weisheiten und Insiderinfos (ohne auf einer Seite zwanzig Mal das Wort „Exklusiv“ und „Weltpremiere“ zu drucken) unter die Spieler streuten und man auch eine Maniac noch kaufen konnte, ohne ausschließlich zu den Features zu hechten und den Rest des Heftes ungelesen zu lassen. Dabei brauchten die Hefte keinerlei Demo-Disk oder andere Lockmittel, um die Kunden zum Kauf zu überreden (was im Zeitalter der Modulschlucker ohnehin kein Thema war). Ja, früher war tatsächlich (fast) alles besser, wenn es um das Thema Videospiel-Magazine geht. Die beiden Vorzeigemagazine Total! und Video Games waren tatsächliche Hefte von Freaks für Freaks und das wurde ihnen auch zum Verhängnis, ungeachtet aller Qualitäten. Die Total! etwa machte den Fehler, in einer schwierigen Zeit (N64-Ära) nicht auch auf den Pokémon-Zug aufzuspringen, wie es die N-Zone in vollkommener Perfektion vormachte, deren Heft im Jahre 2000 wohl aus 80% Taschenmonster bestand (Sticker und Poster inklusive) und die ihre Kunden bei Laune hielt, in dem sie jedem Spiel, das die beliebten Monster zum Thema hatte, eine teils lächerlich hohe Wertung verlieh.

Heute verlieren Zeitschriften immer weiter an Bedeutung, es haftet ihnen gar ein schlechter Ruf an. Im Zeitalter der Internet-Publikationen, der Live-Streams für Pressekonferenzen und Download-Links für HD-Versionen der neusten Trailer, ist die gute alte Videospiel-Zeitschrift einem ungleichen Konkurrenzkampf ausgesetzt, den sie nur verlieren kann, wenn sie sich nicht auf die eigenen Stärken besinnt. Denn die Geschwindigkeit und Offenheit des Internets ist auch dessen größte Schwäche. So wird beinahe jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf gejagt und die Besucher von Foren regen sich mit leidenschaftlicher Schärfe über Dinge auf, die wenig später kaum für eine hochgezogene Augenbraue reichen würden oder sich (und das mehr als oft) gar als Ente herausstellen. Eine monatlich erscheinende Zeitschrift ist nicht dem Druck ausgeliefert, das neuste, absurde Gerücht in das Heft zu bringen, sondern hat oft die nötige Zeit, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Das bringt uns zum nächsten Punkt: Mangelnde Kompetenz. Manchmal erscheint es mir, als würde man jedem dahergelaufenen Fanboy mit Freude einen Platz in der Redaktion einer Online-Publikation anbieten, solange dieser die News anderer Seiten im Netz einigermaßen adäquat abschreiben kann (auch wenn er den für Korrekturen zuständigen Chefredakteur aufgrund mangelhafter Orthographie- und Grammatik-Kenntnisse schier in den Wahnsinn treibt). Eine nonkommerzielle Publikation (und nicht nur diese) zu finden, die ihre News-Meldungen auch gründlich auf die Ursprungsquellen prüft, wird mit der Zunahme solcher Webseiten mit Gewissheit nicht einfacher. Dass solche Leute dann auch Zugang zu Presseveranstaltungen bekommen, hat in der Branche schon in der Vergangenheit zu kritischen Tönen und Änderungen bei der Einladungsliste zur Games Convention geführt. Umso beschämender ist es, wenn selbst Zeitschriften ihre Leser mit minderwertigen Artikeln traktieren, sich Previews wie Werbetexte lesen und Reviews viele wichtige Details auslassen (und man in jeder Zeile merkt, dass der Tester nicht besonders weit im Spiel gekommen sein kann…).

Eine Sorge, die mir persönlich besondere Kopfschmerzen bereitet und Print- und Onlinemedien gleichermaßen betrifft, ist das Verhältnis zwischen Publisher und Kritiker. Ein Kritiker sollte, bei aller Leidenschaft, immer eine gesunde Distanz zu den Herstellern wahren und seine Fanambitionen, falls vorhanden, in den eigenen vier Wänden lassen. Der harte Konkurrenzkampf bewegt die so genannten Videospiel-Journalisten aber zu einem Schulterschluss mit den Publishern nach dem Motto: Wenn wir von euch Exklusivmaterial bekommen, berichten wir besonders nett über euer Spiel (wobei es keine Rolle spielt, wer den ersten Schritt in dieser Sache macht). Noch eine Stufe widerlicher wird’s allerdings, wenn Redakteure mit kleinen Präsenten zu Wertungserhöhungen motiviert werden sollen, wie ich es in meinem Umfeld selbst erleben durfte. Wer da noch seinen Lesern gegenübertreten kann, ohne dass sich eine schwache, aber dafür umso schmerzhaftere Stimme im eigenen Kopf zu Wort meldet, zieht einen Berufszweig in den Dreck, der, auch nach vielen Jahren, immer noch in den Kinderschuhen steckt – nicht zuletzt aus diesem Grunde. Berufsethos? Nie gehört. Für eine sehr löbliche und nicht risikofreie Aktion sorgten im vergangenen Herbst die Herren von 4Players.de, die mittels eines fiktiven Telefongespräches ihren Redaktionsalltag wiedergaben und damit, wenn auch nicht direkt, zur selben Zeit viele Kollegen entblößten. Man wünscht sich ähnliche Artikel weiterer Redaktionen, so dass der Leser leichter die schwarzen Schafe erkennen kann. Auf mich wirkt es so, als wäre es den Vertretern dieses Berufszweiges noch gar nicht in den Sinn gekommen, über welche Macht sie verfügen und dass sie es eigentlich sind, die am längeren Hebel sitzen und nicht die Publisher. Oder anders gesagt: Welcher Publisher würde lange den Boykott einer Redaktion aufrechterhalten, wenn andere Redaktionen, vereint in einem kollegialen Netzwerk, auf die Erpressung hinweisen würden. Aber dazu braucht es erst ein vernünftiges Verantwortungsbewusstsein dem Leser gegenüber...