Es gibt zwei Zeiträume im Jahr, in denen Videospieler in aller Welt in heller Aufregung versetzt werden. Der eine Zeitraum umfasst die Zeit vor Weihnachten, wenn die lang erwarteten Tophits Einzug in die Verkaufsregale erhalten. Der andere steht kurz bevor…

Weltweit werden in diesen Tagen die PC geschont, die Chips und Colabestände aufgestockt und sozialen Verpflichtungen ein letztes Mal nachgegangen. Schließlich verschwinden auch dieses Jahr wieder unzählige Videospieler für einige Tage aus dem öffentlichen Leben. Richtig, nicht einmal mehr eine Woche, dann fällt Weihnachten, Ostern, Nikolaus und der eigene Geburtstag wieder auf ein und denselben Tag. Wobei die „neue“ E3 eine ganze Nummer kleiner ausfallen soll, als ihre zu Grabe getragene Vorgängerin. Deswegen ist jedoch nicht mit minder aufregenden Stunden zu rechnen. Schließlich gibt jede E3 nicht nur ein Spiegelbild der aktuellen Verhältnisse in der Branche wieder (zumindest bis zu einem bestimmten Grad), sondern eröffnet Fans und Medienvertretern einen Ausblick auf die Zukunft. Und nicht zuletzt lechzen die Foren nach neuem Diskussionsstoff, wenn schon nicht über aktuelle Spiele gesprochen wird… Werfen wir einen Blick auf ein gewisses, in Kyoto ansässiges Unternehmen und dessen Ausblick für die E3.

Der Marktführer heißt (nach langer Zeit wieder) Nintendo. Zumindest erscheint es in Japan schier unmöglich, den Platz an der Sonne noch an die Konkurrenz verlieren zu können und im Rest der Welt ist der Konzern aus Kyoto nicht weniger erfolgreich. Dennoch ist das Murren der Core-Besitzer, die derzeit eine wahre Software-Trockenperiode erleben, nicht zu überhören. Keine Frage, zum Ende des Jahres steht ein potentieller Kracher nach dem anderen auf dem Programm. Die Frage ist: Wie sieht es danach aus? Immer wieder treibt sich die Parole „Core-Gamer müssen für Gelegenheitsspieler leiden“ in diversen Diskussionsforen herum. Deswegen muss Nintendo beweisen, dass sie auch nach 2007 an der versprochenen „And-Philosophie“ festhalten werden. Dazu reichen Sequel-Ankündigungen nicht aus. Neue IPs dürfen nicht ausschließlich für Gelegenheitsspieler reserviert sein. Wie man einer Serie mit Fortsetzungen viel von ihrem früheren Glanz raubt, sieht man derzeit an der After-Twilight Princess Diskussion. Forderungen, die nach einer Pause der Zelda-Reihe schreien, wären früher undenkbar gewesen. Deswegen steht die Frage im Raum, ob Nintendo für Balance sorgen, verbrauchten Serien eine Pause gönnen und stattdessen Neuentwicklungen in das Rennen schicken wird, die die „klassischen“ Nintendo-Spieler ansprechen (ohne hier die unsinnige Behauptung zu erheben, dass klassische Nintendo-Spieler nichts mit Titeln wie Dr. Kawashima oder Wii Sports anfangen könnten). Ganz gleich für welche Zielgruppe ein Titel designt wird: Es wird spannend sein zu sehen, welche neuen Konzepte Nintendo für die Nutzung der Wiimote ausgetüftelt hat. Den experimentellen Minispiel-Status dürfte man hinter sich gelassen haben, der Zeitdruck, der den Launch begleitete, ist passé.

Von Seiten der Dritthersteller erwarte ich vor allem eines: Die Nennung vieler, vieler wohlklingender Namen und wenig oder extrem frühes Bildmaterial. Wie alle anderen, sind die 3rd Partys vom Erfolg der Wii mit heruntergelassenen Hosen erwischt worden. Man kann nur erahnen, welche Panik derzeit in einigen Softwarehäusern herrschen muss, schließlich stellt sich das junge Nintendo Flaggschiff als Rekorde brechender Goldesel heraus. Dazu kommt folgendes Problem hinzu: Jene Dritthersteller, die sich bisher der Nintendo Konsole verschlossen haben, machen erst jetzt ihre ersten zaghaften Gehversuche mit der Wiimote, während Nintendo selbst und einige wenige 3rds schon in die zweite Phase übergegangen sind. Gut möglich, dass es im Herbst auf der Tokyo Game Show deutlich mehr vorzeigbares Material (von japanischen Entwicklern) geben wird, als auf der diesjährigen E3. Ganz egal aus welchem Softwarehaus, erwarte ich persönlich einen Überraschungstitel mit „Wow-Faktor“, ein Spiel, dass mich sagen lassen wird: Alleine dafür musste man einen Controller wie jenen der Wii erfinden.

Und der Nintendo DS? Sollte man die Vergangenheit als Indiz verwenden, müsste sich Nintendos Engagement langsam aber sicher verringern und stattdessen den Drittherstellern die Bühne überlassen werden. Überhaupt muss ruhigen Gewissens von einer Lawine an neuen Ankündigungen der 3rds für den Nintendo Handheld ausgegangen werden, denn im Gegensatz zur Wii ist der Erfolg kein halbes Jahr alt und die Früchte des Hardwareerfolges werden endlich zur Ernte bereit stehen. So könnten die Jahre 2007/08 als goldenes Zeitalter des NDS in die Annalen eingehen. So manches Sparschwein wird die nächsten Monate nicht überleben. Von einem gewissen Standpunkt aus betrachtet, bin ich jedoch bisher massiv von der Arbeit der Dritthersteller enttäuscht, die den NDS eben doch als Weiterführung der Game Boy-Marke verstanden haben. Das sage ich besonders mit Blick auf westliche Entwickler, die aber schon immer eine seltsame Ablehnung gegenüber Handhelds an den Tag legten. Mit Touchscreen-Steuerung versehene Umsetzungen von PC-Strategiespielen sollen das höchste der Gefühle sein? Sollte nun (wie schon abzusehen ist) eine Welle an Kopien des Brain Games-Prinzips erfolgen, würde man damit nur exemplarisch die eigene Ideen- und Konzeptlosigkeit belegen.

Wie es auch kommen wird, uns erwartet eine mehr als interessante Woche. Ich schalte nun vorsorglich meinen Computer aus, der aufgrund seiner zu leistenden Überstunden noch Schonung genießt und schau mal vorsorglich nach dem Zuckwasserbestand…