Trotz enttäuschender Verkaufszahlen des Vorgängers veröffentlicht “Egmont Manga & Anime” im September das neueste Werk des gefeierten Naoki Urasawa auch hierzulande. Warum jeder Fan der japanischen Kunstform ein Auge darauf haben sollte…

Es ist leider die traurige Wahrheit: Der deutsche Mangamarkt wird bestimmt von Shonen Jump-Auskopplungen und jeder Menge an die weibliche Zielgruppe im Teenageralter gerichteten Waren von der Stange. Obwohl ich nicht bestreiten möchte, dass sich darunter auch teilweise echte Hochkaräter befinden (z.B. One Piece und Honey & Clover), so fehlt es dem Markt dennoch an Artenvielfalt. Es ist ja nicht so, als hätten die Verlage nicht versucht, neue Genres zu etablieren; doch statt einem in Japan enorm erfolgreichen 20th Century Boys verschlangen viele Kunden lieber den nächsten 08/15-Shonen Ai-Manga. Als umso dringender empfinde ich es, mit diesem Blog als Plattform auf einige großartige Werke aufmerksam zu machen, die von der Masse leider trotz überragender Qualität übersehen wurden. In diesem Artikel befasse ich mich mit drei hierzulande erschienenen (bzw. im Falle von Pluto bald erscheinenden) Manga von Naoki Urasawa…

Monster (bei Egmont Manga & Anime in 18 Bänden abgeschlossen)

Die sich über mehrere Jahre erstreckende Geschichte beginnt 1986 in der Düsseldorfer Eisler-Klinik, als dort die beiden einzigen Überlebenden eines mysteriösen Mordes an einem Diplomatenehepaar aus der DDR eingeliefert werden: Es sind die Adoptivkinder der beiden, Zwillinge mit den Namen Anna und Johann. Während das Mädchen lediglich unter Schock steht, weist der Junge eine lebensgefährliche Schusswunde am Kopf auf, weshalb der japanische Arzt Kenzo Tenma, jung und talentiert, alles für die Operation vorbereitet. Urplötzlich soll diesem aber jene Aufgabe entzogen werden, damit er als einer der fähigsten Neurochirurgen an einem Prominenten, dessen Rettung der Eisler-Klinik einiges an Popularität und vorallem Geld einbringen würde, operieren kann. Tenma widersetzt sich jedoch den Anweisungen seines Vorgesetzten und behandelt den Jungen Johann, wodurch er diesem das Leben rettet. Doch ahnt er gar nicht, welch schreckliche Folgen diese ehrenhafte Tat mit sich bringen wird…

Auch wenn es sich im Storyabriss vielleicht so anhören mag: Monster ist keine Arzt-Serie! Eher handelt es sich um eine Mischung aus Krimi, Thriller und Mystery, welche durch eine komplexe Geschichte und großartige Charaktere überzeugen kann. Letztere gewinnen vorallem durch den ungewöhnlich “unjapanischen”, aber auf ganzer Linie überzeugenden Zeichenstil an Charme, da jede Figur nicht nur charakterlich, sondern auch zeichnerisch einzigartig wirkt. Action wird in Urasawas bekanntestem Werk wenig geboten, vielmehr wird Wert auf die Dialoge der Akteure gelegt. Mit einer Länge von 18 Bänden nimmt sich Monster viel Zeit, die Geschichte zu entfalten, doch diese 18 Bände bieten mehr Inhalt, als manch anderer Manga der selben Länge. Monster ist eine einnehmende, düstere Geschichte, die ich jedem Manga-Liebhaber, der auch ohne pausenlose Action auskommt, wärmstens ans Herz lege.

20th Century Boys (bisher 17 Bände bei Planet Manga erschienen)

Kurz vor dem Sprung ins neue Jahrtausend sieht sich Japan durch den fanatischen “Freund” bedroht, doch nur Kenji, Betreiber eines Convenience Stores und seine Kumpel aus Kindesalter ahnen von der Gefahr. Alles fängt damit an, dass sich ein Mitglied der ehemaligen Bande anscheinend selbst das Leben nimmt. Durch einen vermeintlichen Abschiedsbrief stößt Kenji auf das Geheimzeichen, dass er zusammen mit seinen Freunden während seiner Kindheit erfand und erfährt so erstmals von der Bedrohung durch eine mysteriöse Sekte, die eben jenes Symbol als Wappen trägt…

Es ist schwer, die Story zusammenzufassen, ohne zu viel zu verraten, denn 20th Century Boys bietet eine noch komplexere Geschichte als Monster und gewinnt mit jedem erneuten Lesen weitere Facetten hinzu. Ein interessanter Aspekt des Mangas ist die Tatsache, dass die Handlung sich über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erstreckt und der Leser durch Rückblicke immer mehr über die Hintergründe und Motive des “Freundes” erfährt. Und auch wenn sich Urasawas Zeichenstil mit der Zeit etwas gewandelt hat und nun “japanischer” wirkt, können die Charaktere weiterhin vollends überzeugen. 20th Century Boys ist ein enorm spannender Manga, welchen ich nur schwer einem Genre zuordnen kann, wobei Mystery-Thriller wohl am ehesten passen würde. Leider hat sich Planet Manga aufgrund mangelhafter Verkaufszahlen einige dicke Patzer in der Veröffentlichungspolitik geleistet: So erschien Band 9, nachdem die Serie schon eingestellt werden sollte, nur über Print-on-Demand; das heißt, dass lediglich Vorbesteller ein Exemplar erhielten und dieser nicht mehr käuflich zu erwerben ist. Ausserdem erscheinen die neuesten Bände sehr unregelmäßig und in weiten Abständen. Dass dies abschreckt, kann ich nachvollziehen, wer aber dennoch zugreift, wird durch eine der besten Manga-Serien aller Zeiten belohnt.

Pluto (erscheint im September 2007 bei Egmont Manga & Anime)

An dieser Stelle möchte ich den Verlag “Egmont Manga & Anime” einmal deutlich loben: Nicht nur haben sie Monster trotz erschreckender Verkaufszahlen ohne Komplikationen bis zum Ende veröffentlicht, sondern beschehren uns sogar mit dem nächsten Meisterwerk aus dem Hause Urasawa. Pluto ist in bisher sechs Bänden erschienen und basiert auf dem berühmten Astro Boy von Manga-Urvater Osamu Tezuka, erfindet die Geschichte dabei allerdings als mysteriöse Kriminalgeschichte neu. Auch der Hauptcharakter der Handlung ist nicht der putzige Atom, sondern der Roboter und Detektiv Gesicht. Dieser versucht in Deutschland eine Serie von Morden, welche sowohl an Menschen, als auch Maschinen verübt wurden, aufzuklären, wobei der Hauptverdächtige selbst ein Roboter zu sein scheint, was die Sache verkompliziert…

Mit Pluto gewann Naoki Urasawa, wie schon zuvor mit Monster, den großen Osamu Tezuka-Preis. Neulinge sollten dies als Anlass nehmen, mit Pluto in die Welt des großartigen Mangazeichners einzutauchen, ohne dass sie eine Serie mit 18 Bänden und mehr erwartet, wobei Kenner wohl sowieso blind zugreifen werden. Hoffentlich kann diese Kolumne ein klein wenig dazu beitragen, dass Pluto nicht wie Monster oder 20th Century Boys in einem finanziellen Desaster für den Verlag endet und dass einige Manga-Fans ihren Horizont etwas erweitern oder einfach neue Perlen für sich entdecken konnten.

[Update: Aus lizenztechnischen Gründen ist aus der Veröffentlichung von Pluto in Deutschland nichts geworden, dafür erscheint die Serie inzwischen auf Englisch bei Viz Media]