Obwohl die Wii ein Jahr später als die Xbox 360 auf den Markt kam, hat sie nach nur etwa 10 Monaten die 360 überholt. Was könnte diese Tatsache für die Wii bedeuten?

Zugegeben, so ganz genau weiss niemand, wann die Wii zum Marktführer aufgestiegen ist. Es müsste irgendwann zwischen Juli und Anfang August sein, als es plötzlich mehr Wiis als 360s in den Haushalten dieser Welt gab. Diese statistische Ungenauigkeit verdanken wir dem europäischen Markt, denn die Marktforschungsinstitute Europas geben nur sporadisch Zahlen bekannt. Somit hat die Marktführerschaft der Wii einen kleinen Schönheitsfehler, ansonsten ist die Marktführung legitim und wird nur von wenigen Leuten angezweifelt...

Dass die Wii ihre Konkurrentin überholt hat, ist in erster Linie eine gute Nachricht für Nintendo als auch für die Wii-Besitzer, denn die grösste Userbasis zieht viele Spielproduzenten an. Und weil so viele verschiedene Leute sich unter den Wii-Besitzern finden, können sich Nischenspiele auf der Wii wohl am ehesten verkaufen. So weit, so gut, wenn da nur nicht der Konsolenkrieg wäre, bei dem sich nicht nur rabiaten Fans beteiligen, sondern auch einige (parteiische) Videospieljournalisten und gelegentlich Spieleproduzenten und –entwickler.

Bis zu einem gewissen Grad lassen sich diese emotionallen Debatten verstehen: Manche Spieler möchten lieber auf den Konkurrenzkonsolen spielen und sehen es nicht gerne, wenn viele Ressourcen für Wii-Spiele verwendet werden, da die Spielefirmen damit weniger für andere Games zur Verfügung haben. Nicht jeder Entwickler will sich mit der neuartigen Steuerung befassen, manche wollen lieber auf anderen Plattformen Spiele entwickeln. Viele Befürchtungen nehmen jedoch übertriebene Züge an, denn ist die Xbox 360 nicht eine profitable Plattform? Lassen sich 360-Spiele nicht auf die PS3 portieren – und damit einen gewissen Spiele-Output garantieren? Die Marktführung der Wii ist deshalb in erster Linie positiv für die Wii-Besitzer und nicht wirklich eine schlechte Nachricht für die Zocker der Konkurrenzprodukte. Gerade weil die Wii viele unerfahrene und Opportunsspieler anzieht, nimmt sie nicht allzu viel vom Kuchen der 360 und der PS3 weg, die vor allem auf die Vielzocker zielen.

Bizarr hören sich allerdings die Stimmen an, die immernoch vom schlechten Spielesupport für die Wii in den nächsten Jahren ausgehen, fast so, als spiele es gar keine Rolle, dass die Wii nicht nur die Marktführung übernimmt, sondern auch die bisher am schnellsten sich verkaufende Konsole ist. Sicherlich steht es den Publishern frei, diejenige Konsole zu unterstützen, die ihnen am meisten Profit bringt; nicht immer steht hier Wii an erster Stelle, die 360 hat dank einer soliden Vielzockerbasis durchaus ihre Reize. Die grössere und differenziertere Wii-Kundschaft bietet allerdings ein grösseres Potenzial für Spiele ausserhalb des engen (und teuren) Vielzocker-Korsetts. Spannend sieht die Situation in Japan aus: Dort führt die Wii praktisch schon seit dem ersten Tag und signalisiert den japanischen Publishern, dass ihre Spiele in Nippon nur auf der Wii-Konsole ein grosses Publikum erreichen werden. Das bedeutet nicht, dass die PS3 und die 360 keine Spiele von Namco, Capcom, Konami und Square-Enix bekämen, aber für den wirtschaftlichen Erfolg müssen die Spiele für die PS3 und 360 von Anfang an auf das westliche Publikum ausgerichtet sein. Die Wii hingegen hat in Japan und eventuell auch in Europa die Marktführung inne, einzig in den vereinigten Staaten erreicht ein Spiel für die 360 ein grösseres Publikum als das Pendant für die Wii – voraussichtlich bleibt die 360 dort Marktführer bis 2008. Angesichts dieser Tatsache muss Nintendo seinen Fokus auf die USA richten und die Aufholjagd ernst nehmen, denn nur so kann es bei den US-Entwicklern Argumente holen. Ob die westlichen Firmen früh genug auf das richtige Pferd setzen? Leider wird man den Verdacht nicht los, dass sie wie schon beim DS die Wii nicht genügend ernst nehmen und die Konsole erst im Nachhinein mit Effort unterstützen, also erst, wenn es schon fast zu spät ist. Derweil können kleine und einige grosse japanische Firmen von der Situation profitieren und an Einfluss gewinnen.