Seit dem NES gilt die Videospielindustrie als ein Goldesel, der alle möglichen wirtschaftlichen Krisen ohne Kratzer überstanden hat. Aber warum hat sie diesen Ruf? Und wie sieht die Lage in der jetzigen, alles vorhergehende übertreffenden Krise aus?

Von der weltweiten Makroperspektive betrachtet, ist die Videospielindustrie seit Jahren kerngesund: Die Firmen machen immer mehr Umsätze, nie schrumpft der Markt im finanziellen Sinn. Auch im Jahr 2008 haben diverse Konsolen neue Verkaufsrekorde gebrochen, Dritthersteller melden ebenso, regelmässig höhere Umsatzzahlen als früher erzielt zu haben. Ist in der Videospielindustrie also alles in Ordnung? Nein! Diese oberflächliche Perspektive verrät nichts über mehrere Schwierigkeiten, die diese junge Industrie in den letzten 20 Jahren erfuhr und vor allem in letzter Zeit erfahren hat. Hier ein paar Beispiele:

  • Zwar wuchs die wirtschaftliche Bedeutung dieser Industrie stetig, wenn wir die weltweiten Umsatzzahlen als Grösse nehmen. Tatsächlich stagnierte jedoch der japanische Markt am Anfang dieses Jahrzehnt, bevor Nintendo mit dem DS die Softwareverkäufe wieder ankurbeln konnte. Bezogen auf den japanischen Heimkonsolenmarkt kommen die meisten Spielenhersteller allerdings immer noch nicht richtig in Fahrt. Weltweit wächst die Industrie deshalb vor allem dank den Staaten und Europa, weil diese beiden Märkte das Potenzial noch nicht ausgeschöpft haben.
  • Immer mehr Umsätze bedeuten nicht immer mehr Gewinne, und viele Firmen können nicht einmal die Gewinne stabil halten und haben letztes Jahr hohe Verluste gemacht. Steigende Umsätze und bestenfalls stabile Gewinne schaden jedoch die Industrie: Wenn ein Investor für jeden gesetzten Dollar oder Euro immer weniger Geldwert zurückbekommt (und im schlimmsten Fall stetig Verluste macht), dann sucht er lukrativere Investitionsmöglichkeiten aus.
  • Mit diesem Problem verknüpft sind die stetig steigenden Produktionskosten. Damit zähle ich nicht nur die Entwicklungskosten dazu, sondern auch die Werbekosten, die bei ganz grossen Spielentwicklungen einen enormen Anteil der Gesamtkosten ausmacht, wenn nicht sogar den Hauptanteil. Entwickler und Spielproduzenten haben sich seit Jahren darüber beklagt, aber viele so genannte Industrie-Insider meinen lapidar, dass die Videospielindustrie dennoch gewachsen ist und die Publisher bisher gutes Geld haben verdienen können. Doch diesmal scheinen die Entwicklungskosten definitiv zu hoch zu sein.

Die amerikanische Hypothekenkrise führte zu einer weltweiten Finanzkrise, die wiederum zu einer weltweiten Wirtschaftskrise. Die bisher scheinbar krisenrestistente Videospielindustrie ist diesmal ebenfalls stark betroffen, selbst Nintendo befürchtet Gewinneinbusse – jedoch nicht wegen geringer Nachfrage, sondern wegen der starken japanischen Währung. Aus der Wirtschaftskrise können wir trotz allem einige Lehren daraus ziehen:

  • Alle diese Idioten erfahren nun, wie wichtig Eigenkapital sein kann. Nintendo hätte zuviel Geld in der Bank und müsste mehr investieren? Als der amerikanische Geldmarkt im September 2008 einfror und keine einzige Bank selbst Firmen mit einem guten Ruf mehrstellige Summen leihen wollte, standen tausende Firmen am Abgrund. Wer immer am Limit investiert, bricht in der Krise ein.
  • Je höher die Investition, desto eher wird sie in der Krise gestrichen. Dass Entwicklungsstudios wie Factor 5 und Free Radical gerade zu dieser Zeit ihre Türen schliessen müssen, ist sicher eine Folge der Finanzkrise. Aber wäre es so weit gekommen, wenn ihre bisherigen Entwicklungen nicht so viel Geld in den Sand gesetzt hätten?
  • Die dumme Behauptung, dass milliardenschwere Subventionen für die Konsolen in diesem Geschäft eine Normalität und für den Erfolg eine Notwendigkeit seien, gehört endgültig ins Reich der Märchen. Klar, das Geschäft ist hart und verlangt von den Herstellern gelegentlich, eine Konsole unter dem Wert zu verkaufen. Doch diese Praxis wurde in dieser Generation pervertiert. Das ist nicht nur schlecht für die Konsolenhersteller, sondern auch schlecht für die Videospielindustrie als Ganzes, denn die Xbox 360 und die PS3 können nun keinen Konkurrenzkampf gegen die Wii liefern, weil ihre Hände gebunden sind.

Wir können nur hoffen, dass alle Beteiligten aus dieser Krise schlauer werden. Fast wie die Investment-Banken haben sich viele Videospielfirmen übernommen, im Rausch der Millioneninvestitionen winken sie selbst fragwürdige Projekte durch. Es ist viel zu einfach zu sagen, sie hätten es nicht anders machen können. Nur weil alle der Herde hinterher rannten, heisst das noch lange nicht, dass man über keine Entscheidungsgewalt verfügte.