Nun, da bin ich wieder. Nachdem ich mir eine (mehr oder weniger artig eingehaltene) Auszeit von mehreren Monaten gegönnt habe, die ich unter anderem mit dem Studium einiger in den Jahren davor zu kurz gekommener Spieleperlen verbrachte, werde ich den Retro V-Blog wieder frisch und voller Tatendrang unterstützen, auch wenn der eigentliche (Wieder-)Einstand schon mit der Veröffentlichung der ersten Teile der umfangreichen Super Mario-Retrospektive gefeiert wurde, für die ich aber nur schon vorhandenes Material auf den neusten Stand bringen und kurz mit dem Staubwedel drüber fahren musste. Da sich in dieser Zeit sehr viele potenzielle Themen angesammelt haben, von denen die meisten(zumindest meiner Meinung nach) keine eigenständigen Artikel rechtfertigen, aber doch nicht unangetastet und unkommentiert bleiben dürfen, möchte ich an dieser Stelle zwei in der jüngeren Vergangenheit gemachte Beobachtungen ansprechen und auch gerne die Leser dazu auffordern, uns an ihren derzeitigen Ärgernissen in der Welt der Videospiele und/oder der Community teilhaben zu lassen. Ich eröffne unsere kleine Gruppentherapie mit dem Stichpunkt…

Selbsternannte Hardcore-Spieler

Manchmal erscheint es mir, als ob die Wii das Schlimmste in vielen Videospielern zu Tage gebracht hätte. Das elitäre Getue selbsternannter Hardcore-Spieler, die sich von all diesen unwürdigen Casual-Spielern möglichst weit abgrenzen wollen, steht ganz oben auf der Liste trauriger Nebeneffekte, die mit dem Erfolg der Konsole einhergehen. Dabei verschwinden die Grenzen zunehmend und selbst der durchschnittliche 08/15-Zocker, der noch nie einen obskuren Japan-Titel, der im Heimatland nur in begrenzter Stückzahl erhältlich ist und niemals offiziell den Weg über das Meer finden wird, importierte, die PC Engine für ein vorsintflutliches Navigationsgerät hält und den Freunden ständig die für viel Geld erworbene Halo 3 - Legendary Edition (inklusive Master Chief-Helm) als Prunkstück seiner Sammlung vorstellt, sieht sich plötzlich als der absolute Hardcore-Zocker, in dessen linken Brusthälfte ein Dual Shock-Controller anstelle eines Herzens schlägt. Früher (aua, meine Knochen…) haben wir Mitmenschen als Hardcore-Spieler bezeichnet, die über die Tiefen eines Street Fighter II wissenschaftliche Arbeiten hätten verfassen können, kein Treasure-Spiel ohne vorherige Auswahl des höchsten Schwierigkeitsgrades angingen und – dies vor allen anderen Dingen – neuen Ideen und neuen Spielkonzepten stets aufgeschlossen gegenüberstanden. Heute genügt es, die Collectors Edition von Gears of War 2 drei Monate im Voraus bei einem Internethändler vorzubestellen, um sich in der Spielergemeinschaft aufspielen zu können. Wie sich die Zeiten und Ansprüche ändern können.

Internationale Foren-User

Es war in der Hochzeit der Revolution-Gerüchte und damit in der Mitte dieses Jahrzehnts, als die nach Neuigkeiten und Gerüchten gierende Fan-Schar dafür sorgte, dass ein paar Webseiten, von deren Existenz hierzulande nur eine eingeschränkte Gruppe wusste, nach und nach zu einer Anlaufstelle für jedermann mit einem bestimmten Grad an Englisch-Kenntnissen wurde. Und damit wurde ein sich bereits ausbreitender und wahrscheinlich gar nicht zu vermeidender Trend beschleunigt, der die Sprach- und Diskussionskultur in hiesigen Foren nachhaltig beschädigte. Kurz: Wenn heute in einem der populären Foren aus Übersee mal wieder aus einer Mücke einen Elefanten gemacht oder einfach nur die tägliche Sau durchs Dorf getrieben wird, dann ist auch stets eine Person dabei, der die Mücke bzw. die arme Sau auch in unser Dorf bringt. Ich habe immer meine Bedenken, wenn es um die Größe und damit Bedeutung derart großer Plattformen geht, die leider dazu neigen, Gruppendenken stark zu begünstigen. Hat etwa ein Spiel einmal einen bestimmten Stempel aufgedrückt bekommen, so kann sich diese Meinung weit über die Grenzen der besagten Plattform verbreiten, womit die einzelne Meinung dieses Forums, das selbst einer Gruppendynamik unterliegt, allmählich den Status eines Faktums einnimmt. Überhaupt ist es bedenklich, welch hohen Status manche dieser Foren inzwischen genießen, so dass User auch nicht davor zurückschrecken, ihre eigene Identität ein Stück weit aufzugeben und sich sprachlich (Immer daran denken: In US-Foren so oft wie möglich Satzverstärkungswörter wie „Fuck“ und „Shit“ in all ihren wunderbaren Variationen verwenden) wie inhaltlich der Mehrheit annähern. Schade für den User, aber dies wäre für sich genommen kein größeres Ärgernis, wenn die Anpassung nicht auch nachher in deutschsprachigen Foren spürbar wäre. Es tut mir immer Leid, wenn ich mit ansehen muss, wie ein stets mit lesenswerten und interessanten Beiträgen glänzender User plötzlich zu einer GIF- und Phrasen-Schleuder verkommt und letztendlich zu einer Nummer unter vielen wird. Der schlimmste anzunehmende Fall ist aber eine Mischung aus Foren-Äffchen und der oben genannten Sorte von „Hardcore-Spieler“. Das sind dann jene Personen, die die Foren mit total fundierten und knallhart recherchierten „News-Meldungen“ von den „Journalisten“ bei Kotaku zumüllen…

„Dead Space“

Die Dead Space-Ankündigung von Electronic Arts entlockte den Wii-Besitzern einen stillen Freudenschrei, schließlich unterscheidete sich die Mitteilung ganz erheblich von den Neuankündigungen, mit denen Käufer der Konsole sonst so abgespeist werden. Die Wii bekommt keinen Port, sondern eine völlig auf die Fähigkeiten der Hardware zugeschnittene Neuentwicklung spendiert. An der neuen Episode werkelt nicht etwa irgend ein unfähiger D-Klasse-Entwickler, der in der Vergangenheit an billigen Mario Kart-Klonen arbeitete, sondern das Originalteam des HD-Vorgängers. Und zu guter Letzt wird man intelligten Gebrauch von der Wiimote machen, womit der Titel eine Vorreiterrolle für alle Dritthersteller-Spiele auf der Nintendo-Konsole hätte einnehmen können. Hätte, weil EA das Spiel in einen On-Rail-Shooter verwandelt, einem Genre, von dem es auf der Wii bereits jetzt nicht gerade an guten Titeln mangelt und damit der gerade einsetzende Hype um das Spiel mit einem Schlag zerstört wurde. Das ist in etwa vergleichbar mit einem in Führung liegenden Teilnehmer des 100-Meter-Laufs, der wenige Schritte vor dem Ziel und Gewinn der Goldmedaille umdreht und zurück in die Kabine läuft. Natürlich soll hier keine Vorverurteilung des eigentlichen Spiels stattfinden, welches eventuell richtig toll werden könnte. Aber ich (und ich wette, hier spreche ich einer großen Anzahl an Lesern aus der Seele) hätte mich nach einem Spiel in der Art des HD-Ablegers, mit den Vorteilen der Wiimote-Steuerung ausgestattet, gesehnt, schließlich gibt es Produkte dieser Art und in der versprochenen Qualität nicht allzu häufig auf der Wii von Seiten der Dritthersteller. Die erhoffte Signalwirkung ist dahin, beziehungsweise wurde mit dieser Entscheidung ein ganz und gar nicht erwünschtes Signal ausgesendet. Wie sich das Spiel nun an der Kasse schlagen wird, darüber darf orakelt werden.