Seit kurzem erscheint Naoki Urasawas neuestes Manga-Epos „Pluto“ über Viz Media auch im Englischen. Was Fans von „Monster“, „20th Century Boys“ oder aber „Astro Boy“ zu erwarten haben, erfahrt ihr in dieser Rezension des ersten Bands...

„The Greatest Robot on Earth“ gilt in Japan als beliebteste Geschichte der Astro Boy-Serie von Manga-Urvater Osamu Tezuka. Sie erzählt von dem Roboter Pluto, erschaffen von einem machthungrigen Sultan und mit nur einer Mission: Die sieben stärksten Roboter der Welt ausfindig zu machen und zu vernichten, um selbst der König der Roboter zu werden. Auch auf Astro Boy hat es Pluto abgesehen. Hat das kleine Kerlchen auch nur den Hauch einer Chance gegen die ihm haushoch überlegene Kampfmaschine?

Naoki Urasawa, bekannt vorallem durch seine Meisterwerke Monster und 20th Century Boys, entschied sich dafür, sein nächstes Manga-Projekt auf dem Grundgerüst von Astro Boy aufzubauen und orientiert sich in Sachen Story lose an „The Greatest Robot on Earth“. Im Mittelpunkt der Handlung stehen daher vorallem die sieben stärksten Roboter aus der Originalgeschichte, wobei dem deutschen Robo-Detektiv Gesicht besondere Aufmerksamkeit zukommt: Er spielt die Hauptrolle. Ganz recht, Astro Boy hält in der Neuinterpretation des Klassikers nicht etwa als Protagonist her, sondern taucht ledglich als Nebenrolle (und unter seinem japanischen Originalnamen Atom) auf. Dementsprechend handelt es sich bei Pluto auch nicht um eine Action-Serie, sondern eine Kriminalgeschichte, einen Thriller im Stile von Monster.

In einer Zukunft, in der Menschen und Roboter mit gleichen Rechten friedlich zusammenleben und –arbeiten, wird der renommierte Detektiv Gesicht mit zwei augenscheinlich bezugslosen Mordfällen betraut: In der Schweiz wurde der beliebte Bergführer-Roboter Mont Blanc ermordet, in Düsseldorf traf es einen menschlichen Aktivisten für Roboterrechte, Bernard Lanke. Was die beiden Fälle verbindet, ist eine eigenartige Konstruktion, welche an den Köpfen der Opfer angebracht wurde und an Teufelshörner erinnert. Nun gibt es aber ein Problem: Nur ein Roboter könnte die Kraft aufbringen, welche nötig ist, eine solch mächtige Kreatur wie Mont Blanc zu zerstören, doch einem Roboter ist es aufgrund seiner Programmierung unmöglich, einen Menschen umzubringen. Zumindest theoretisch, denn praktisch fand vor acht Jahren bereits ein Mord an einem Menschen durch einen Roboter statt. Gesicht macht sich also auf, dem Täter von damals einen Besuch abzustatten. Dort erfährt er, dass auch er, als einer der sieben größten Roboter auf Erden, in höchster Gefahr schwebt...

Wer die Inhaltsangabe von Pluto mit derjenigen der Astro Boy-Geschichte vergleicht, wird schnell feststellen, dass die Kenntnis von „The Greatest Robot on Earth“ absolut keine Bedingung für das Verständnis dieses Mangas darstellt. Fans des Originals werden zwar die mal mehr, mal weniger offensichtlichen Anspielungen und versteckten Details zu schätzen wissen, doch dies ist nicht, was Urasawas neuestes Werk auszeichnet. Die herausragendsten Qualitäten sind diejenigen, welche schon Monster und 20th Century Boys zu Meisterwerken machten: Der detaillierte Zeichenstil, das sympathische Charakterdesign, die filmreife Inszenierung und vorallem Urasawas typische Art des Storytelling. Da ist es kein Wunder, dass die drei Kapitel, welche sich nicht direkt mit der Haupthandlung, sondern mit dem Leben eines der sieben großen Roboter befassen, den Höhepunkt des ersten Bands darstellen. Naoki Urasawa hatte schon immer ein Händchen dafür, seine Nebenfiguren auszuarbeiten und sie dem Leser ans Herz wachsen zu lassen.

In der Nebenhandlung geht es um den ehemaligen Kriegsroboter North No. 2, welcher genug vom Schlachtfeld hat und sich nun als Butler verdingt. Zu seinem Pech gerät er an den grantigen, blinden, alten Musiker Paul Duncan, welcher eine Abneigung gegen jegliche Art von Maschine hegt. Dementsprechend respektlos behandelt Duncan seinen Butler auch und feuert ihn kurz nach Dienstantritt wieder. North No. 2 jedoch weigert sich zu gehen (unteranderem weil er nun seine Liebe für Musik entdeckt hat) und begegnet dem alten Mann mit viel Geduld. Doch erst als Duncan eines Nachts beobachtet, wie sein mechanischer Gehilfe genau wie er unter Alpträumen leidet, entwickelt er eine gewisse Sympathie für ihn. Als North No. 2 seinen Meister über einige Lücken in dessen Vergangenheit aufklärt und ihn somit dazu befähigt, wieder Stücke zu komponieren, bildet sich schließlich eine Freundschaft zwischen den beiden.

Geschichten wie diese machen den ersten Band von Pluto aus, der Kriminalfall tritt größtenteils in den Hintergrund. Naoki Urasawa nutzt den Anfang seiner Geschichte lieber dafür, uns die Welt von Gesicht näherzubringen, vorallem das Zusammenleben von Menschen und Robotern. Hauptsächlich durch den deutschen Detektiv erfahren wir, dass Roboter heiraten können, in den Urlaub fahren und sogar Menschenkinder adoptieren dürfen. Mensch und Maschine werden also als gleichwertig dargestellt, ein Bild, welches in westlicher Literatur kaum Verwendung findet, im Verständnis der Japaner aber durchaus üblich ist. Trotz allem gibt es in der Welt von Pluto noch immer Leute wie Paul Duncan, die Roboter als seelenlose Werkzeuge ansehen und erst noch verstehen müssen, was ein Lebewesen ausmacht.
Wer bereits Werke von Naoki Urasawa gelesen hat, der wird sicher über die Designs der Roboter überrascht sein. Da sie sich vom Aussehen her grob an den Astro Boy-Originalen orientieren, wirken sie comichafter als die sonst üblichen Charaktere, doch trotz allem schafft es Urasawa, sie nahtlos in seine Welt einfließen zu lassen. Das Design der menschlichen Charaktere erinnert mit den fast karikaturhaften Gesichtszügen und den ausgeprägten Nasen eher an Monster, als an 20th Century Boys, was wohl daran liegt, dass das Ensemble des ersten Bandes hauptsächlich aus Europäern besteht.

Wenn Pluto die Qualität des ersten Bands aufrecht erhalten kann, dann erwartet uns ein weiteres Meisterstück aus dem Hause Urasawa, dass kein Manga-Fan verpassen sollte. Die bei Viz Media in Englisch erscheinenden Bände lassen sich ohne Probleme über z.B. Amazon.de bestellen und sind vorallem deshalb zu empfehlen, weil ein Release in Deutschland wohl nicht mehr in Frage kommt.