Erneut befassen wir uns mit Videospiel-Soundtracks, die zu Unrecht im Schatten bekannterer Werke stehen…

Welches Szenario erschien wahrscheinlicher: Dass Duke Nukem Forever vor oder erst nach der Veröffentlichung des zweiten Teils unserer Reihe über unterbewertete Spiele-Soundtracks in die Läden kommen würde? All jenen Leser, die ihr Geld auf Ersteres gesetzt haben, müssen wir leider mitteilen, dass wir die Damen und Herren von 3D Realms geschlagen haben. Der Rest freut sich hoffentlich über die Titel-Auswahl in dieser zweiten Episode, die es sich wieder zur Aufgabe gemacht hat, unterbewertete, nicht oder kaum beachtete Videospiel-Soundtracks ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken.

Viva Piñata und Viva Piñata: Ärger im Paradies

Man mag über Rares Spiele denken was man möchte, aber eine Sache gelingt den Engländern in praktisch jedem Projekt: die musikalische Untermalung. Die beiden Titel der Viva Piñata-Reihe sind hier keine Ausnahme, sondern gehören im Gegenteil zum Schönsten, was jemals von der Entwickler-Schmiede zu hören war. Die Geschehnisse im Garten des einzigartigen Genre-Hybriden werden begleitet von zauberhaften Melodien, die mal zart, mal geheimnisvoll, mal voll majestätischer Erhabenheit aus den Boxen fließen, wobei hier und da auch den Albernheiten dieser Welt Raum gelassen wird. Wie schon bei Kameo: Elements of Power, kam auch hier wieder das Prager Philharmonik Orchester zum Einsatz, die mit ihrer Unterstützung zur Veredelung der Kompositionen beitrugen. Sein weitreichendes Talent darf Banjo-Kazooie- und Perfect Dark-Komponist Grant Kirkhope spätestens bei den die Paarungszeremonien begleitenden Stücken zeigen, die jedes erdenkliche Genre abdecken, sei es Jazz, Death Metal, irische Folklore, klassischer Pop, Rock and Roll, Techno oder Walzer.

DuckTales

Wenn es eine Angelegenheit gibt, bei der ich nicht einer Meinung mit der ehrwürdigen Total! war, dann betrifft es die Soundtracks der Mega Man-Spiele für das NES. Und da bin ich nicht alleine, denn während in jedem Test zu einem Spiel des blauen Bombers zu lesen war, dass dem Spieler einmal mehr lediglich das typische Mega Man-Gedudel geboten wird, gehören die Stücke für Millionen von NES-Spielern dieser Zeit zu den beliebtesten Tracks überhaupt. Yoshihiro Sakaguchi war einer der Musiker, die an den Soundtracks zu Mega Man und dem unvergesslichen Mega Man 2 arbeiteten. Mit diesem Übermaß an Popularität kann seine Arbeit an Duck Tales nicht mithalten, obwohl die Bekanntheit des Werkes steigt, wie man auch an der zunehmenden Anzahl an Cover-Versionen auf YouTube sehen kann. Späte Genugtuung. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem das Thema für den Mond-Level des Jump and Runs, ein Ohrwurm aller erster Güte, der sich hinter keinem Stück der Mega Man-Reihe verstecken muss (ja, nicht einmal vor ihr wisst schon was). Aber auch die restlichen Musikstücke gehören mit zum Besten, was jemals aus dem Soundchip des NES herausgekitzelt wurde. Wenn nur alle Lizenzspiele wie Duck Tales wären…

LocoRoco

Wenn ein Spiel mit Gesängen wie „pacchonbo-mo-inoinoi chakaretapatton pankorakettonto-no-ra churere-rotton poraporapetton pu-rorattantan” unterlegt ist, dann kann dabei nur ein ganz besonderes Juwel heraus kommen. Wie es dann auch bei Sonys LocoRoco geschah. Anscheinend dachte man sich, dass eine ungewöhnliche Spielidee zwar schön und gut ist, aber dann muss auch das Drumherum dazu passen. So kam es dazu, dass die niedlichen LocoRocos selbst zum Mikrofon griffen und die Levels mit melodischen Gesängen überschwemmen durften, bei denen das Charme-Barometer stets zu bersten drohte. Jede LocoRoco-Art singt im Spiel eine persönliche Version des Titeltracks, von den zarten Stimmen der pinken Art bis hin zu den basslastigen Gesängen der schwarzen LocoRocos. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass die Gesänge irgendeinen Sinn ergeben (wobei man dies bei japanischen Entwicklern ja nie so pauschal sagen darf), aber auf der anderen Seite wären sie damit eigentlich geradezu prädestiniert für einen Platz in den hiesigen Charts…

Uncharted: Drakes Schicksal

Ich war vom Talent von Sonys Exklusivschmiede Naughty Dog bereits überzeugt, als ich die meiner PlayStation beigelegten Demo-CD mit der darauf befindlichen Crash Bandicoot 3-Demoversion unter die Lupe nahm. Crash Team Racing ist, zusammen mit Diddy Kong Racing, der bis heute beste Mario Kart-Klon, der mir jemals untergekommen ist und das erste Jak and Daxter wandert jedes Jahr aufs Neue in mein Laufwerk. Wenn es den Naughty Dog-Spielen aber an einer Sache mangelte, dann an erinnerungswürdigen Musikstücken und ikonischen Themen. AAA-Produktionen, wie sie so schön genannt werden, mit mittelmäßigen und schnell vergessenen Soundtracks - eine selten anzutreffende Anomalie im Reich der Videospiele. Wieso dann nicht endlich den Musiker wechseln und fähigere Leute verpflichten? Genau dies tat man bei Naughty Dog und engagierte den TV- und Film-Komponisten Greg Edmonson für Uncharted: Drakes Schicksal. Der durfte ein 65 Mitglieder starkes Orchester auf der Skywalker Ranch nutzen, um Wärme und Detailreichtum des Settings auf einer Weise gerecht zu werden, wie sie mit künstlichen Instrumenten nie hätte erreicht werden können, wie Director Amy Henning später anmerkte. Da Uncharted die verschiedensten Weltkulturen in bester Pulp-Adventure-Manier für seine Geschichte verwendete, sollte sich dies auch im Sound-Design und im Einsatz von ungewöhnlichen und exotischen Instrumenten widerspiegeln. Tibetanische Klangschalen, türkische Lauten, Didgeridoos, Schneckentrompeten, Hallposaunen und viele weitere Instrumente, davon sogar ein paar Eigenerfindungen, kamen dabei zum Einsatz. Das Ergebnis ist ein Soundtrack, der weniger auf die Unterbreitung von Melodien als auf eine ungemein dichte Stimmung setzt und damit erst im Spiel seine wahre und großartige Wirkung entfaltet. Mit einigen wenigen Ausnahmen, wie dem Titelthema „Nates Theme“, das dem Ansinnen der Entwickler, der romantischen Betrachtung von Abenteurern eine Plattform zu gewähren und damit eher auf den Pfaden Indys zu wandeln und Frau Croft links liegen zu lassen, eine wunderbare Stimme verleiht. Jeder Spieler, der seine Zeit mit Uncharted verbrachte, wird beim Anhören der Titelmelodie sofort wieder das Spiel vor Augen haben. Und genau deshalb sind starke Titelthemen so wichtig. Ein zukünftiger Trailer für die Fortsetzung braucht nur eine neue Variation der Melodie aufzufahren und schon würde es eine kollektive Gänsehaut-Attacke geben.

Wie es bereits bei der ersten Episode der Ungehörten der Fall war, haben wir auch diesmal wieder ein entsprechendes Video zu den hier genannten Spielen auf YouTube hochgeladen, das zu jedem Titel mindestens ein ausgewähltes Musikstück enthält. Schließlich geht nichts über die Praxiserfahrung.

Wir hoffen, den einen oder anderen Leser auf mindestens einen zuvor unbeachteten Soundtrack aufmerksam gemacht zu haben. Wir sind übrigens immer offen für Vorschläge für die kommenden Episoden. Wenn ihr also an einem Videospiel-Soundtrack hängt, der von der Welt sträflich missachtet wurde, dann meldet euch. Fortsetzung folgt.