Schaltet ich in diesen Tagen den TV-Apparat im guten Willen auf zumindest solide gemachte Unterhaltung ein, so wird im Regelfall diese Hoffnung sogleich mit Füßen getreten. Die Privatsender haben sich einer Verblödungspolitik hingegeben, die einem fragwürdigen Trend nach dem anderen hinterher jagt und dabei die Latte immer tiefer hängt. So kamen Mitte der 90er erst die Nachmittags-Talkshows, wurden ergänzt durch die Vormittags- und Mittags-Talkshows, um dann mit dem Übergang ins nächste Jahrtausend Platz für die nicht minder unsäglichen (eher im Gegenteil) Gerichtsshows zu machen. In den letzten Jahren schließlich verpesteten die so genannten Doku-Soaps die Kanäle und degradierten die Bezeichnung „Unterschichten-Fernsehen“ zu einer Neckerei.

Die letzten Jahre des gerade zu Ende gegangenen Jahrzehnts stellten also alles andere als eine Qualitätsoffensive dar. Während RTL weiterhin fleißig daran arbeitete, das TV-Äquivalent zur BILD zu werden und in Partnerschaft mit eben diesem Schmierblatt Leute nur allzu gerne vor der versammelten Nation der Lächerlichkeit und (eigentlich noch schlimmer) Dieter Bohlen preisgab, fiel das Hirn der ProSieben-Redaktion regelmäßig zwischen die Beine und erfreute das Publikum mit wunderbaren Konzepten wie der frauenfeindlichen Fleischbeschau „Sommermädchen“, das Pre-Scheidungs-Lustspiel „Sarah and Marc in Love“ und die Suche nach dem nächsten schlechten Magier mit drei uralten Tricks auf dem Kasten Uri Geller (der eine war anscheinend nicht schon Warnung genug). Ältere Formate wie Galileo passten sich der umfassenden Verdummung nach und nach an. Wo früher an gleicher Stelle versucht wurde, das Prinzip der Kernspaltung und Einsteins Relativitätstheorie auf einfache aber prägnante Weise auch für den Laien verständlich zu machen, stapft heute ein Fleischklops namens Jumbo durch die Gegend und frisst sich in einer pervertierten Zuspitzung unserer Verschwendungskultur durch die XXL-Lokale der Nation oder prüfen bemitleidenswerte „Reporter“ YouTube-Videos auf ihre Echtheit. Noch schöner: Aufgrund der klammen Kassen bei der ProSieben-Sat.1-Gruppe verwertet die Sender-Gemeinschaft ihren alten Müll wieder und immer wieder, anstatt diesen endlich in die Tonne zu klopfen. So werden „We are Family“- und „Deine Chance“-Beiträge mit wenig Mühe zu „Sam“-Clips umgeschnippelt, wandern dann kurz zu Kabel 1 in ein Format, welches kaum eine Woche hält, um dann erneut bei ProSieben in einem neuen Nachmittagsformat zu landen, wo es garantiert keine Woche hält. Nicht unrealistisch, dass, während ich diese Zeilen verfasse, bereits bei Galileo wieder eine Wasserrutschen-Reportage und bei n-tv die selben Dokus zu Riesen-Kränen oder den künstlichen Dubai-Inseln laufen, wenn nicht schon wieder der böse Adolf mit Midi-Gedudel untermalt über den Nachrichten-Sender rumpelt. We love to entertain you.

Wären da nicht die Informationssendungen der Öffentlich-rechtlichen, die Unterhaltungsformate der Dritten und einige wenige US-Serien, wobei davon in der Zwischenzeit auch einige den „Shark gejumped“ haben („House“, „Monk“ - und die „Simpsons“ schon vor zehn Jahren), ich würde mir kaum mehr die Mühe machen, den Receiver an den Scart-Verteiler anzuschließen. Wieso auch, wir befinden uns in der Baukasten-Epoche. Das Angebot neben dem Fernseher ist so groß geworden, dass man sich seine Freizeit heute selbst zusammen zimmert und nicht mehr auf die Programm-Planer angewiesen ist. Filme auf DVD und Blu-ray ohne Werbeunterbrechungen und Schnittorgien zu sehen ist wunderbar und der kleine Filmfreak in mir wird durch Audiokommentare und Blicke hinter die Kulissen umfassend unterhalten. Der Rest deckt das Internet ab und ich schaue mir zu jeder Zeit lieber mehr oder wenigen trivialen Kram wie den neuen „Ashens“, „Angry Video Game Nerd“ oder „Nostalgia Critic“ an, als im Ersten zur Volksmusik zu wippen oder im ZDF bei Rosemunde Pilcher mich ob des aus der Röhre triefenden Schmalzes übergeben zu müssen. Überhaupt dürfen ARD und ZDF, trotz der lobenden Worte zu Teilen des Programms, nicht ohne Schelte davon kommen. Ich finde es immer witzig, wenn Engländer über die BBC meckern und die altehrwürdige Fernsehanstalt als langsames, überbürokratisiertes Ungetüm bezeichnen und aus deutscher Sicht nicht wissen, wie gut sie es eigentlich haben. Ich wäre froh, wenn ARD und ZDF mit dem gleichen Mut an neue Formate gehen würden, anstatt jedem Trend des Privatfernsehens mit einer durchschnittlichen Verspätung von fünf Jahren hinterher zu hecheln, egal ob es sich dabei um Daily Soaps oder Casting Shows handelt.

Eine ganze Generation an Großeltern und Eltern hat uns vor der Verblödung vor dem Fernseher gewarnt und hier bin ich nun, ein Kind des Privatfernsehzeitalters, aufgewachsen mit den „Turtles“, „Konfetti und Klack“, dem „echten“ Tele 5, dem „A-Team“ und vielen anderen Sendungen und stehe der Glotze, untreu wie ich bin, mit wachsender Abscheu gegenüber. Schlimmer noch, stehe ich nun auf der anderen Seite und mache mir Gedanken über die Generation nach mir, die diese Kapitulationserklärungen an den Verstand Tag für Tag schlucken. Also alles Mist? Nein, wer genau hinsieht und sich durch die weiten Kloaken des deutschen Fernsehens gräbt, der stößt auch auf die kleinen, aber dafür umso kostbareren Juwelen, die dem TV-Anschluss dann doch noch seine Berechtigung erteilen. Dabei gilt, je später die Stunde, umso unterhaltsamer, anarchischer und experimentierfreudiger das Programm. Schön, dass wir im Zeitalter der Mediatheken und Streams leben, aber nimmt das der Kiste nicht erneut die ursprüngliche Daseins-Berechtigung…? Ich werde euch demnächst eine persönliche Auswahl näher vorstellen und damit eine neue Reihe auf Retro V starten.