Nintendo plant wieder eine große Enthüllung für die Electronic Entertainment Expo (kurz E3), die im Juni in den USA stattfindet. Doch warum gerade jetzt, und warum gibt es keine Gerüchte von der Konkurrenz?

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Kolumnen vor der E3 sind immer etwas gefährlich: Einerseits kann die Kolumne bereits wenige Tage nach der E3 an Aktualität verlieren und somit keinem einzigen Leser mehr Interessantes anbieten; andererseits verlieren Prognosen sofort an Wert, wenn die Branchengrößen sich unerwartete Fehltritte leisten. Erinnert ihr euch noch an das 599$-PS3-Fiasko von Sony? Die zuvor als kommende Dominatorin gefeierte Konsole machte alle vor der E3 besungenen Lobpreisungen mit einem Schlag lächerlich. Natürlich kann es auch zum umgekehrten Fall kommen, dass also der vermeintliche Verlierer zu einem Phänomen wird, siehe die Wii.

Nun soll angeblich Nintendo eine neue Konsole vorstellen, der Projektname lautet „Café“. Die Gerüchteküche explodierte beinahe im April, vermeintliche Insider plauderten anonym über die Hardwarekonfiguration und den seltsamen Controller, und die Gamer Community debattierte wochenlang, ob die Konsole eigentlich auf dem technischen Niveau von Xbox 360 sein werde oder nicht doch eine klare Generation weiter sei. Über diese Gerüchte möchte ich nicht schreiben, denn auch wenn manche Aussagen glaubwürdiger klingen als andere, letztendlich weiß keiner genau, was Nintendo zeigen will.

Mich beschäftigt eher die Frage, warum Nintendo als erster Konsolenhersteller auf dem Markt sein will. Wir erinnern uns: Die Wii gehört zu den am meisten verkauften Konsolen in der Geschichte und bescherte dem Konzern über Jahre Milliarden Dollar Gewinne, die Sequels auf der Wii haben in der Regel größeren kommerziellen Erfolg als ihre Vorgänger auf dem GameCube. Trotzdem sah sich Nintendo gezwungen, eine neue Konsole zu lancieren, während Microsoft und Sony keine Anstalten machen, ihre Konsolen zu ersetzen.

Gewiss, die Xbox 360 und die PS3 schossen bei ihrem Debüt leistungstechnisch über das Ziel hinaus, sie kosteten zuviel und mussten unter ihrem Produktionswert verkauft werden. Diese Verluste mussten Microsoft und Sony wettmachen, ein längerer Konsolenzyklus käme ihnen gelegen. Dieses Manko hat die Wii nicht. Dafür kämpft sie jedoch zurzeit mit schwindenden Verkäufen und einer schwindenden Zahl an neuen Spielen. Nicht ungewöhnlich für eine alte Konsole, doch die Konkurrenz kann sich besser behaupten. Folgerichtig sah Nintendo sich gezwungen zu reagieren und ihre neue Konsole voraussichtlich im Jahr 2012 auf den Markt zu werfen, während die Konkurrenz wohl frühestens Ende 2012 angreifen wird, wahrscheinlicher jedoch erst 2013.

Dieser Schachzug ist sicher keine Kurzschlussreaktion, denn eine Konsolenentwicklung dauert mehrere Jahre. Der kommerzielle Rückgang der Wii fördert dennoch den Prozess, sonst hätte Nintendo wohl die Veröffentlichung der neuen Konsole nach hinten verschoben. Wie wird sich Nintendo nach der Wii positionieren? Mit dem 3DS zeigt die Firma bereits, dass sie wieder mehr Spielenthusiasten zurückgewinnen wollen – und die Gerüchte deuten zumindest diese Richtung an. Das ist gut für all jene, die ständig die Wii als zu leistungsschwach beschimpfen und gerne tonnenweise AAA-Spiele auf Nintendokonsolen sehen möchten. Damit schwimmt Nintendo jedoch wieder im roten Ozean, sprich in einem Umfeld mit hoher Konkurrenzdichte und verlustreicher Kostenschlacht. Da der ehemals blaue Ozean, der früher so gewinnbringende Markt der Gelegenheitsspieler, mittlerweile von Raubfischen (Apples iOS, Microsofts Kinect, Sonys Move) gefüllt ist, erstaunt die Kehrtwende nicht. Trotzdem schwingt ein bisschen Wehmut mit, dass Nintendo diesmal ihr Zielpublikum wahrscheinlich nicht erweitern kann, wie sie es mit Wii und DS meisterhaft verstanden hat. Auch bedeutet dieser Zug, dass Nintendo die Kostenspirale selber einheizen wird, weil die neue Konsole Spiele mit mindestens Xbox 360-Qualität in visueller Hinsicht haben wird. Hoffen wir, dass Nintendo uns abermals eines Besseren belehrt und es dem Konzern auch diesmal gelingt, das Videospiel neu zu definieren. Und zwar nicht nur im Sinne der Spielenthusiasten, sondern auch aller anderen.