Mit „HAL“ und „The Final Loop“ hat sich die Mangaka Aoi Makino bereits einen Namen auf dem Shōjo-Markt gemacht, der bekanntlich auch hierzulande noch immer ein relativ großes Publikum anspricht. Jetzt wurde auch ihre bereits im Jahr 2010 in Japan veröffentlichte Geschichte „Rec - Kimi ga Naita Hi“ unter dem deutschen Titel „Rec - Der Tag, an dem ich weinte“ bei Tokyopop veröffentlicht.

Minami ist die Außenseiterin der Klasse. Unfähig vor ihrer Umwelt Emotionen zu zeigen, wirkt die Schülerin, die von sich selbst behauptet, sie habe noch nie eine Träne vergossen, auf ihre Mitschüler wie eine eiskalte Person ohne bekannte soziale Bindungen. Das ist der Nährboden für Gerüchte und üble Nachrede. So geht die Legende um, dass Minami den berühmt-berüchtigten „Presskatzen“-Clip gedreht hat, ein sich in Windeseile auf den Schulhöfen vermehrendes Schock-Video, das eine regelrecht platt gefahrene Katze zeigt. Immer einen Camcorder mit sich führend, würde sie stets auf neues „Material“ warten. Akira Wakabayashi ist quasi der krasse Gegenentwurf. Der extrovertierte, charismatische Jungschauspieler ist die Attraktion der Schule und der Schwarm der Mädchen – bis auf Minami. Die zeigt sich dann auch als einzige Zuschauerin vollkommen unbeeindruckt, als die Schule in den Genuss einer Premieren-Vorführung seines sprichwörtlich letzten Films kommt, denn Akira möchte auf der Höhe seiner Popularität mit der Schauspielerei brechen.

Als die Klasse einen Aufsatz über ihre beim Ansehen des Films empfundenen persönlichen Gefühle schreiben soll, fällt Minami durch die Abgabe eines leeren Blattes mal wieder aus dem Rahmen, gewinnt dadurch aber auch die Aufmerksamkeit Akiras. Dieser mischt sich kurz darauf in einen Streit zwischen Minami und ein paar Jungs ein, die ihre Speicherkarte aus dem Camcorder klauen, in der Hoffnung, auf dem Träger noch weitere von ihr gedrehte Schock-Videos zu finden. Stattdessen taucht auf dem Monitor der Schule aber ein kurzer Clip auf, der Minami im liebevollen Umgang und Gespräch mit einer Katze zeigt. Im anschließenden Gespräch zwischen ihr und Akira, erlebt der Leser einen Einblick in Minamis Weltanschauung und die Hintergründe des Filmes auf der Speicherkarte. So wurde die Katze, in einer Kiste ausgesetzt, ursprünglich vor dem Schulhof gefunden, wo sie gleich ein paar Mitschülerinnen von Minami entdeckten. Als Einzige lehnte sie es ab, sich um die kleine Katze kümmern. Doch, wie eine weitere Rückblende offenbart, konnte das Interesse, aller Ausrufe und Liebesbekundungen („Wie süüüß!“ und „So kleeiiin!“)  zum Trotz, einem schulfreien Tag nicht standhalten.  Nur Minami machte sich auf zur Schule und nahm die im Dauerregen allein gelassene Katze mit nach Hause, um sich dort um sie zu kümmern.

Für Minamis Charakter ist dies eine Schlüsselszene. Die Schülerin ist eine von der oberflächlichen Verlogenheit ihrer Umwelt angewiderte Figur. Mit ihrer Kamera sucht sie nach dem Echten, dem Leben ohne Maske – und bemerkt dabei nicht, dass sie in der Gegenwart anderer Menschen selbst eine ausdruckslose, schützende Maske angelegt hat. „Ich filme keine Menschen. Weil ich sie nicht leiden kann.“ Der immer lächelnde Akira wiederum muss diese Maske des Berufs und des Images wegen tragen. Ihm ist die Schauspielerei schon so in Fleisch in Blut übergegangen, dass es ihm nicht einmal selbst mehr auffällt, dass sein Lächeln und sein Lachen die Produkte seiner Filmpersönlichkeit sind. Die Erwartungen der Leute müssen schließlich erfüllt werden.

Im Grunde handelt Rec – Der Tag, an dem ich weinte davon, wie sich zwei ineinander verliebende Seelen gegenseitig zu befreien versuchen, ohne aber (und das ist eine Besonderheit), dass die Figur von der anderen eine komplette Drehung der Persönlichkeit erwartet. Eine weitere Dimension erhält der Manga in der zweiten Hälfte durch die Offenbarung, dass Akira seit seiner frühesten Kindheit an einer Krankheit leidet, die ihm, nun wieder ausgebrochen, nach Meinung der Ärzte in relativ kurzer Zeit das Leben rauben wird. Sobald die Presse von dieser Sache Wind bekommt, gibt es kein Zurück mehr. Akira wird zu einem Gejagten der Medien und soll nun auf diese zynische Weise den Preis für seine Popularität zahlen. Ein Fernsehreporter, der die Lunte als Erstes riecht und Minami über Akira auszufragen versucht, entpuppt sich als ein interessanter Charakter. Weder Schwarz noch Weiß, bewegt sich dieser in einer Grauzone, wenn er davon spricht, dass die Zuschauer diese Art der Berichterstattung selbst fordern und jederzeit mit ihrem Finger auf der Fernbedienung darüber abstimmen könnten, ob dieser Boulevard-Journalismus noch zu verantworten sei. Würden sie dies tun? In der ganzen Erzählung sind immer wieder Szenen zu sehen, die wenig Zweifel an der Beantwortung dieser Frage lassen. Schließlich kommt nicht ein Passant auf die Idee, dem von seiner Krankheit geschwächten und auf die Straße gestürzten Akira aufzuhelfen. Stattdessen wird munter das Handy samt Kamera gezückt. Wesentlich subtiler, aber dafür vielleicht umso nachdenklicher, stimmt eine Szene, in der sich die Schüler noch einmal über den „Presskatzen“-Clip unterhalten. Mit Ausnahme einer Schülerin, die ihren empfundenen Ekel zum Ausdruck bringt, legen die Teilnehmer der Gesprächsgruppe fast schon eine Begeisterung vom neuesten, die Runde machenden Schock-Video an den Tag und eine Person entgegnet lakonisch: „Na ja, aber solche Clips sind doch witzig.“

Wenn ich dem Manga von Aoi Makino eine Schwäche nachsagen muss, dann ist es die besonders im letzten Teil zunehmend sprunghafter werdende Erzählweise. Die 145 Seiten des One-shot reichen kaum aus, um die berührten Themenkomplexe gebührend umfangreich zu besprechen, weshalb der Verlag noch die beiden miteinander verbundenen Kurzgeschichten „Fluffige Küsse“ und „Fluffige Weihnachten“, handelnd von einem in der Nachhilfe-Klasse auf neue Freunde treffendes Mädchen, hinzufügte, um die 200-Seiten-Marke zu erreichen. So merkt man dem Werk an, dass an einigen Stellen das Fett entfernt werden musste. Über die Art der Krankheit Akiras wird kein weiteres Wort verloren und auch über die familiären Umstände der beiden zentralen Protagonisten erfährt der Leser (fast) nichts. Auf der anderen Seite konzentriert sich Rec so ohne Schnörkel und weitere Ablenkungen auf die wesentlichen Punkte der Geschichte. Und diese zeigt, dass auch hierzulande noch immer Shōjos ihren Weg in die Regale finden können, denen es vortrefflich gelingt, einen mit vielen gesellschaftskritischen Kommentaren angereicherten Plot mit durchaus romantischen, aber niemals kitschigen Momenten zu erzählen. Makinos sicherer Zeichenstil unterstreicht dies mit der Vermeidung der allzu krassen Idealisierung der Charaktere. So ist Akira natürlich ein überaus gutaussehender junger Mann, aber zum einen passt diese Darstellung zu seinem Lebenslauf und zum anderen ist er dennoch meilenweit von den üblichen Bishōnen des Genres entfernt. Makino gehört außerdem nicht zu der Gruppe von Zeichnerinnen, die ihre Unsicherheiten mit der übermäßigen Benutzung von Rasterfolien und einer unnötig komplizierten Bildkomposition zu kaschieren versucht.

Rec – Der Tag, an dem ich weinte könnte selbst dem größten Verächter des Genres nach dem Lesen der letzten Seite zum schwermütigen Seufzen bringen. Ein Seufzer, dem jedoch die Gewissheit innewohnt, ein kleines Juwel gelesen zu haben.