Vor einem Jahr wagte Nintendo mit Pokémon GO die ersten Schritte im Markt der Smartphone-Spiele. Investoren jubelten, der Rubel rollte. Wie sieht die Situation heute aus?

Fire Emblem Heroes

Wer den letzten Sommer in einer größeren Stadt verbracht hat, wird die Auswirkungen von Nintendos erstem großem Erfolg im Smartphone-Bereich aus nächster Nähe wahrgenommen haben. Nicht zu vergleichen mit der lauwarmen Miitomo-App, entwickelte sich Pokémon GO innerhalb kürzester Zeit zu einem weltweiten Phänomen. Ein Phänomen, das genau einen Sommer lang überlebte, was nicht zuletzt an der schwachen Unterstützung durch das Entwicklerteam Niantic und dem unausgegorenen Konzept der App selbst lag. Nichtsdestotrotz spülte Pokémon GO Niantic, der Pokémon Company und, trotz der geringen Gewinnbeteiligung, auch Nintendo Unsummen in die Taschen und tut dies auch weiterhin. Immerhin konnte man sich inzwischen dazu durchringen, die zweite Generation von Taschenmonstern einzuführen und das frustrierende Arenasystem zu überarbeiten, woran sich zumindest der harte Spielerkern erfreuen dürfte.

Vielleicht war es der enorme Erfolg der Free-to-Play-App, der Nintendo dazu veranlasste, Super Mario Run, das Handy-Debut des berühmten Klempners, in einem für diesen Markt unüblich hohen Preissegment anzusiedeln. Hier hatte man sich leider völlig verkalkuliert, heimste jede Menge negative Bewertungen in den App-Stores ein und verschenkte damit beträchtliche Umsätze. Sicher wird niemand von uns behaupten wollen, zehn Euro seien zu viel für ein von der Abteilung EPD entwickeltes Spiel, ob auf dem Smartphone oder auf der Konsole. Doch mit Super Mario Run versuchte man eine Käuferschicht zu erreichen, für die der Preis wichtiger ist als die Qualität der Software und die über Jahre daran gewöhnt wurde, für die meisten Apps nichts zu bezahlen bzw. dies erst mit sogenannten In-App-Käufen tun zu müssen. Selbst ich konnte nach der ersten Handvoll von Probe-Levels nicht zu einem Kauf bewegt werden. Dafür lässt sich zum einen meine Geringschätzung von Smartphone-Spielen verantwortlich machen (vor Miitomo hatte ich kein einziges Spiel auf meinem Handy installiert) und zum anderen der Unwille, Zeit in ein Mario-Jump-‘n‘-Run zu investieren, bei dem ich niemals die volle Kontrolle über den bemützten Klempner hatte.

Doch während Miitomo schon auf den ersten Metern schlappmachte, Pokémon GO rapide an aktiven Nutzern verlor und Super Mario Run früh wieder aus den Charts verschwand, servierte Nintendos Hit-Schmiede Intelligent Systems den hungrigen Fans plötzlich eine Smartphone-Version der inzwischen heißbegehrten Fire Emblem-Reihe, die alle anderen Bemühungen in diesem Bereich in den Schatten stellen sollte. Mit Fire Emblem Heroes wurde das berühmt-berüchtigte „Gacha“-Konzept aufgegriffen und in ein ungewohnt benutzerfreundliches Gewand gehüllt. Das taktische Spielprinzip der Serie wurde auf clevere Weise an sehr kurze Sitzungen wie Busfahrten oder das Anstehen an der Supermarktschlange angepasst und mit der riesigen Besetzung der Fire Emblem-Spiele ausgestattet. Das Resultat macht süchtig und hält selbst Spieler mit der kürzesten Aufmerksamkeitsspanne bei Laune, dank ständigen Verbesserungen, einem ununterbrochenen Fluss an neuen Inhalte und einem vorbildlichen Umgang mit der Spielergemeinde. Und auch wenn es ein großer Fehler ist, in Gacha-Spielen auf ein spezifisches Ergebnis hin zu würfeln, so schaffte selbst ich es schließlich, meinen Lieblingscharakter zu beschwören. Und das, ohne einen einzigen Cent zu investieren, denn all die Sphären, die das Spiel mir dafür abknöpfte, waren mir seit der Erscheinung des Spiels von den Entwicklern geschenkt worden.

Fire Emblem Heroes ist der Beweis dafür, dass sich Nintendos Einstieg in den Smartphone-Markt nicht nur für Investoren gelohnt hat, sondern auch für die Fans. Denn auch wenn die ersten Projekte hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind, zeigt Intelligent Systems mit seinem Projekt, dass Nintendo in der Lage ist, die Plattform auszunutzen. Welches Suchtpotenzial mag da erst eine ordentlich umgesetzte Handy-Version von Animal Crossing haben?

Karpador Jump

Apropos Suchtpotenzial: Fire Emblem Heroes ist nicht die neueste App aus dem Hause Nintendo. Wieder mit einem Umweg über die Pokémon Company beglückte man uns vor kurzem mit dem quirligen Titel Karpador Jump, dem wohl effektivsten Dopamin-Lieferanten seit Cookie Clicker. Mit diesem Browser-Game wurde die App nämlich in einem Internetforum verglichen und nachdem ich beide Spiele ausprobiert habe, muss ich dem User voll und ganz zustimmen. Reduziert man das Spielkonzept der beiden Titel auf seine Grundzüge, geht es um nicht viel mehr als auf den Bildschirm zu klicken bzw. zu drücken und Zahlen in die Höhe schnellen zu sehen. Die intrinsische Motivation ist dabei, immer effizientere Methoden freizuschalten, um noch höhere Werte zu erreichen. Das nächste Upgrade muss sich dabei immer in greifbarer Nähe befinden, da sich die Motivation ansonsten unverzüglich in Luft auflöst. Wer ein anschauliches Beispiel dafür sucht, wie Formeln und Zahlen das Spielerhirn beeinflussen, ist hier genau richtig. Verpackt ist das von dem winzigen Studio Select Button entwickelte Karpador Jump in einer charmanten und amüsanten Geschichte über die Aufzucht des nutzlosen Fisch-Pokémons, das in Springwettbewerben gegen seine Artgenossen antritt und mit sofortiger Wirkung gegen ein neues Exemplar ausgetauscht wird, sobald es sein Potenzial ausgeschöpft hat. Wenn es auf dem Weg dorthin nicht schon von einem Tauboga aufgefressen wurde.

In nur einem Jahr konnte Nintendo uns bereits mehrere auf das Smartphone zugeschnittene Spielkonzepte präsentieren. Ob die kommenden Titel die Qualität von Fire Emblem Heroes erreichen können, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch, dass die Spielauswahl auf dem Handy dank Nintendo an Qualität gewonnen hat. Bleibt nur zu hoffen, dass ein Teil der zusätzlichen Einnahmen in die Entwicklung der Konsolenspiele fließt, damit wir auch in diesem Bereich weiterhin hochwertige Titel in regelmäßigen Abständen genießen können.